Die idyllische Landschaft

Warum verschärfte Zulassungsvorschriften allein nicht viel bringen


Erstellt am: 14 Sep 2020

In der aktuellen Diskussion um Motorradlärm setzen viele Politiker auf verschärfte Zulassungsvorschriften für Zweiräder. In dem nachfolgenden Beitrag wird anhand einer einfacher Rechnung aufgezeigt, dass es aufgrund des Bestandsschutzes und der langen 'Haltbarkeit' von nur saisonal gefahrenen Motorrädern mehere Jahrzehnte dauern würde, bis verschärfte Zulassungsvorschriften eine spürbaren Entlastung bewirken. Wichtig wäre deshalb zusätzlich eine Verordnung, die auch Bestandsfahrzeuge leiser macht.

In der nachfolgenden Tabelle wird auf Basis der offiziellen Bestands- und Neuzulassungszahlen in Deutschland die Anzahl dauerhaft abgemelderte Zweiräder in den Jahren 2012 bis 2019 berechnet.

Bestands- und Meldezahlen


In der Tabelle wird in der letzten Spalte die Zahl der Motorräder ausgewiesen, die ca. in jedem Jahr dauerhaft abgemeldet werden. Im Jahresdurchschnitt der letzten 8 Jahre sind das ca. 80.000 Motorräder bzw. 1,9 Prozent des Gesamtbestands an Motorrädern.

Nehmen wir mal nur theoretisch an, dass ab sofort strengere und effektiv wirkende Lärmgrenzwerte gelten würden. Wenn man dann den Bestand von ca. 4,5 Millionen Zweiräder nimmt (für die mit Ausnahme der normierten Beschleunigungsfahrt von 50 auf 80 km/h ansonsten keinerlei Lärmgrenzwerte gelten) und mal nachrechnet, wie lange es überschlägig dauert, bis zumindest 50 Prozent davon verschwinden, dann sind das ca. 28 Jahre!

(Für die Rechnung habe ich 4,5 Millionen durch 2 geteilt und die resultierenden 2,25 Millionen durch 80.000 geteilt.)

Zu den 28 Jahren muss man aber noch mindestens 10 weitere Jahre addieren, denn solange dauert erfahrungsgemäß der technische und politische Abstimmungsprozess für neue Lärmnormen in der EU. Also in ca. 40 Jahren wird die Anzahl der lauten Motorräder zum ersten Mal spürbar etwas abgenommen haben.

Die nachfolgende Grafik zeigt die Entwicklung des Motorrad-Bestands über eine Zeitreihe von 40 Jahren. Dabei wurde die 10-jährige Vorbereitungszeit der neuen Verordnungen sowie ein weiter wachsender Gesamtbestand an Motorrädern berücksichtigt.

Die roten Balken markieren den Anteil der lauten Motorräder (zugelassen vor einer Reform der Zulassungsvorschriften in ca. 10 Jahren). Die grünen Balken markieren den Anteil den dann leiseren Motorräder.


Entwicklung des Motorradbestands


Natürlich ist das nur eine überschlägige Rechnung, aber man sieht ganz klar: Wenn wir nur die Vorschriften für neu zugelassene Motorräder anfassen, dann sind es viele Jahrzehnte, in denen der Lärm der lauten Bestandsmaschinen weiterhin das Lärmbild auf den Straßen in den Natur- und Erholungsgebieten der Mittelgebirge dominieren wird. Das kann nicht die Lösung sein!

Es braucht unbedingt eine Regelung, die auch die 4,5 Millionen bereits zugelassenen Bestandsmaschinen mit einschließt, so wie man das z.B. mit den EU-konformen Umweltzonen für Abgasemissionen ja einfach und schnell hinbekommen hat. Die Umweltzonen gelten nämlich gleichermaßen für neue wie auch für alte, bereits zugelassene Fahrzeuge.

Eine dazu passende, sehr kurzfristig wirkende und außerdem sehr faire Lösung gegen den Motorradlärm wäre das “Tiroler Modell”. Es sieht Fahrverbote auf beliebten Motorrad-Rennstrecken vor (bei uns wären das z.B. die Erholungs- und Naturgebiete der Mittelgebirge).

Allerdings aber nur (!) für solche Motorräder, die bereits im Fahrzeugschein ein Standgeräusch von 95 Dezibel überschreiten. Besitzer einer lauteren Maschine bleiben draußen oder rüsten ihr Zweirad auf »leiser« um (das geht nämlich genauso einfach wie die beliebte Umrüstung auf »lauter«) und lassen den neuen, leiseren Wert für 15 Euro im KFZ-Schein eintragen.

PS: Da Tiroler Modell kann und sollte man übrigens nicht nur für Motorräder, sondern auch für PKW einführen, damit die steigende Anzahl von Lärmposern in soundgetunten Sportwagen ebenfalls erfasst wird!

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