Lärmmessung

Grundlagen der Lärmmessungen

Lärm wird in Dezibel (dB) gemessen.

Dezibel ist eine logarithmische Größe. Alle 10 dB verdoppelt sich die Lautstärke.

Ein Anstieg von 70 dB auf 80 dB ist also nicht eine Steigerung der Lautstärke um ca. 15%, sondern um 100%. Ein Anstieg von 70 dB auf 90 dB ist nicht eine Steigerung um ca. 30%, sondern entspricht einer Steigerung der Lautstärke um 400 % (Vervierfachung der Lautstärke). Ein Anstieg von 70 dB auf 100 dB entspricht dann einer Steigerung um 800% (Verachtfachung der Lautstärke).

Ein wichtiger Aspekt ist die abzuziehende Toleranz bei Polizeikontrollen. Es werden 5 dB vom ermittelten Messwert abgezogen. Das ist in etwa so, als wenn die Polizei Sie mit 70 km/h in der Stadt anhält, nur um anschließend 20 km/h Toleranz abzuziehen. Sie dürften unbehelligt so weiterfahren.

Herausfiltern der tiefen Frequenzen - aus dB wird dB (A)

Für die Lärmmessung von Fahrzeugen wird nicht die Größe dB, sondern dB (A) verwendet. Der Unterschied ist, dass bei der Lärmmessung die tiefen Frequenzen rausgefiltert werden. Wenn also ein besonders tieffrequentes Fahrzeug (Gyrocopter, Harley-Motorrad) gemessen wird, dann wird schon bei der Messung ein Teil der Lärmbelästigung, nämlich die Frequenzen < 1000 Hz, zu einem großen Teil herausgefiltert. Der gemessene Lautheitswert wird also geschönt. Korrekter wäre es einen ungefilterten dB Wert zu nehmen. Das hat die Lärmlobby bislang aber zu verhindern gewusst.

Eberhard Sengpiel - ein international renommierter Tonmeister - pflegte sinngemäß zu sagen: "Ein mit der A-Bewertung ermittelter Messwert eines Motorrades muss falsch sein."

Normiertes Verfahren zur Lärmmessung von Straßenfahrzeugen

Die Lärmmessung von Straßenfahrzeugen wird in einem normierten Verfahren vorgenommen, der für alle Straßenfahrzeuge in Europa (auch in der Schweiz) verbindlich ist. Dazu fährt das Fahrzeug mit 50 km/h auf die Lärmmessstelle zu und beschleunigt mit Vollgas auf 80 km/h. Der Geschwindigkeitsbereich oberhalb 80 km/h wird in den normierten Lärmmessungen nicht erfasst, da können die Fahrzeuge dann so laut sein, wie sie wollen.

Die Grenzwerte für Motorräder und PKW

Für Motorräder gilt seit 2016 ein Lärmgrenzwert von 78 dB (A), vorher 80 dB (A).  Für PKW gilt ein Lärmgrenzwert von 74 dB (A). 

Motorräder dürfen also 4 dB lauter als KFZ sein, aufgrund des logarithmischen Charakters des dB Werts entspricht das ungefähr einer zusätzlichen Lautheit von 40 % gegenüber einem PKW. Schon hier zeigt sich, warum gerade die Motorradgeräusche sich besonders vom normalen Verkehrslärm abheben. 

Es sind eben nicht nur die Motorräder mit manipulierten Auspuffanlagen („Schwarze Schafe“), die am schlechten Image des Motorrad-Lärms schuld sind.

Das normiertes Verfahren zur Lärmmessung ist nicht effektiv

Oberhalb von 80 km/h werden überhaupt keine Lärmemissionen erfasst. Im Geschwindigkeitsbereich unterhalb 80 km/h wird bei den Lärmmessungen getrickst. Das Schweizer Fernsehen hat in einem detailliert recherchierten Bericht gezeigt, dass die Hersteller ihre Fahrzeuge auf den Lärmtest vorbereiten (http://www.motorradlaerm.de/?p=2405). 

Im Bericht wird gezeigt, dass die Fahrzeuge bei einer minimalen Abweichung vom normierten Test (Anfahrt mit ca. 55 km/h statt 50 km/h) plötzlich zwischen 2- und 4-mal so laut wie bei Anfahrt mit 50 km/h werden. Dies entspricht im Prinzip der Schummelei beim VW-Abgasskandal, hier allerdings mit Billigung des Gesetzgebers.

Die Polizeikontrollen überprüfen nicht die normierten Grenzwerte, sondern Herstellerwerte

Die Polizei ist im allgemeinen technisch nicht in der Lage das vorgenannte, normierte Messverfahren durchzuführen. ARD Panorama berichtet in der Sendung vom 1.9.2016, dass stattdessen ein vereinfachtes Messverfahren im Stand ausgeführt wird. Dabei wird der von der Polizei im Stand gemessene Wert paradoxerweise NICHT (!) mit dem Grenzwert von 78 dB oder 80 dB verglichen, sondern mit einem Wert, den der Hersteller als "Referenzwert" in der Betriebserlaubnis des Fahrzeuge hat eintragen lassen. Niemand hindert den Hersteller daran, hier einen Wert von 100 oder 100 dB eintragen zu lassen. Wörtlich kann man auf der Website der ARD folgendes lesen:

"Das Paradoxe: Die Lautstärke des Fahrgeräusches überprüft die Polizei in der Regel nicht. Begründung: zu aufwendig. Stattdessen wird das Standgeräusch kontrolliert, obwohl es keinem gesetzlichen Grenzwert unterliegt. Seine Lautstärke legt de facto der Hersteller fest. Bei der Genehmigung des Fahrzeugtyps wird ein Referenzwert gemessen und in die Papiere eingetragen. So kommt es zum Beispiel dazu, dass im Standgeräusch 100 Dezibel eingetragen sind und im Fahrgeräusch 78 Dezibel. Die Polizei kann oft nichts tun, viele Maschinen werden erst im Fahren zu Krachmachern."

http://daserste.ndr.de/panorama/Hauptsache-es-droehnt-laute-Motorraeder-genervte-Anwohner,motorradlaerm126.html

Was wäre in Punkto Lärmmessung effektiv?

Um einen effektiven Lärmschutz zu gewährleisten, müsste nicht eine einzige von hunderten von möglichen Fahrsituationen herausgegriffen werden, sondern die Vorschrift müsste festlegen, dass in jeder Situation (auch im Stand - auch bei erhöhten Drehzahlen - und natürlich auch bei Geschwindigkeiten über 80 km/h) der Grenzwert nicht überschritten wird. 

Dann wäre es auch viel einfacher (z.B. bei Verkehrskontrollen) eine Überschreitung des Grenzwerts zu ermitteln. Zudem müsste die Messung so erfolgen, dass auch die tieffrequenten Lärmanteile miterfasst werden. Das sind nämlich die Frequenzen, vor denen man sich z.B. nicht mit Lärmschutzfenster schützen kann. Und natürlich müsste der Grenzwert für Motorräder auf den gleichen Grenzwert wie für KFZ abgesenkt werden.

Wo wird noch getrickst? EU-Typgenehmigungen

Ein ganz großes Thema sind noch die EU- Typgenehmigungen für Ersatz-Auspuffanlagen. Wenn man als Hersteller eine besonders laute Auspuffanlage auf den Markt bringen will, dann lässt man die technische Prüfung nicht in Deutschland machen, sondern sucht sich ein EU-Land, das es mit den Lärmmessungen nicht ganz so genau nimmt.

Dort wird eine viel zu laute Auspuffanlage dann aus unerklärlichen Gründen zugelassen und die deutschen Behörden müssen zähneknirschend zusehen, wie die ohnehin schon weit gefassten Lärmgrenzwerte noch einmal deutlich überschritten werden. Verbieten kann man die dubiosen, aber EU-zugelassen Auspuffanlagen nicht. Das wäre dann nämlich ein Verstoß gegen die Wettbewerbsregeln des EU-Marktes. 

Rückschritt durch EU-Recht

In § 49 (1) der StVZO ist ausdrücklich geregelt, dass Kraftfahrzeuge und ihre Anhänger so beschaffen sein müssen, "dass die Geräuschentwicklung das nach dem jeweiligen Stand der Technik unvermeidbare Maß nicht übersteigt". 

Nach Auskunft des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur ist es aber so, dass dieser Gesetzesparagraph für Fahrzeuge mit europaweiter Typgenehmigung NICHT gilt. Danke EU!